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Gedicht "Tattoo" als Bild

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Mamma, ich hab Angst

woher wissen die überhaupt, wann ich zwölf werde?
Mit die sind Militärs gemeint, die Schützen von Drohnen befehligen: „Zwölfjährige seien in militärfähigem Alter.“
Und: „Man muss das Gras mähen bevor es wächst.“*

Die Mutter würgt es in der Kehle, sie drückt den Jungen an sich. Tippt später dann in einer SMS an ihren Mann: Diese militärischen Sensenmänner wurden als Zwölfjährige offenbar übersehen. So ist ihr eigenes Leben heute ein schändlicher Beweis, dass ihr blutiger Befehl folgerichtig ist.

* Zitat eines Drohnen-Schützen

 

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Leises Fest

Der Augenblick rekelt den Geist
Fühlt den Raum, der Körper
Sich selbst.
Die Ohrmuscheln erinnern sich
An das Meer.

 

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Ohne Bedauern

Schmeicheleien
Berühren ihn nicht.
Kränkungen erwidert er nicht.
Ich hab ihm gesagt, ich bin froh
Dass meine Beine keine Wurzeln sind in der Erde.
Ich kann gehen. Ich kann überall sein.

Ich habe Wurzeln in Erde
Und Raum, ließ er mich wissen.
Ich brauch keine Beine.
Als meine Handflächen seine Rinde berührten
Zeigte er mir, wer er ist
Sog mich in seine –
Unsere
Unendliche Weite.

Aus der Anthologie „Denn unsichtbare Wurzeln wachsen

 

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Ein Bericht aus der Schil-dada-Hauptstadt

Grins & Grunz

Sie liefen sich nicht zufällig über den Weg, in Bussen gibt’s keinen Weg, nur einen Gang und der war vollgestopft mit Mänteln, aus denen große Flachköpfe mit Punkt- oder Glubschaugen und eingestanztem Dauergrinsen lugten, sie quetschten ihn auf einen leeren Sitz.
„Verzeihung,“ blubberte er. Die Frau, der er versehentlich zu nah gekommen war, grunzte.
„Wie bitte?“
Frau Grunz zeigte auf einen ihrer Jackenknöpfe: das war kein Smiley, ein schiefmäuliges Krätzley streckte ihm die Zunge raus.
Er versteckte sich hinter einer Zeitung, las – hä? – las, dass eine Sprachwissenschaftlerin geschrieben habe, Smileys bereicherten die Sprache. Ihr Sprachschatz muss wohl prekär genannt werden, wenn Smileys ihn bereichern, grollte er.
Wer weiß, vielleicht hat sie mit Smileys einen Song verfasst, der Hängelippeys korrigiert. Er kicherte.
„Mach die Frau neben dir nich an!“ schnarrte ein Grimmey, der in den Schraubstock aus lebenden Fletschgebisseys eingezwängt war.
„Ja, du! Hast du deinen Abstammungsnachweis bei dir?“ Das verschlug ihm die Sprache. Wär ich doch bloß zu Fuß gegangen, jammerte er stumm.
Und entdeckte auf der Stirn des Grimmey tätowierte Runen. Er schielte nach links, Frau Grunz tippte sofort auf einen anderen Jackenknopf, und ein Gruftey schmachtete ihn an. Da heulte er wie ne Sirene, der Busfahrer bremste scharf – die Türen, große Mäuler – sprangen auf und der Bus spuckte, sich übergebend, den lebenden Smiley-Sprachschatz aus.

 

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Kneipp-Kur

Sie geht zum Stehstammtisch, gleichgewichtsgestört.
Alkohol hat ihr das angetan, der ist ja auch männlich.
Sie unterbricht einen Gast: Du siehst aus, als würdest Du klugscheißen.
Dann sag mir ma, was Liebe is, gibt es sie überhaupt?

Liebe –
Er bricht ab. Neustart:
Wenn du liebst, weißt Du, dass es sie gibt.

 

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Bin in Deinem Zauber,

Mond,

Du leuchtest meine Trauer aus.
Mit deiner Sichel werden meine Augen
abgeschuppt – aus dem Stundenglas
Blühn die Minuten.
In deinem Zauber
Bin ich Mond.

 

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Sommer

Schweißperlen. Ein Konzert
Aus Farbtönen. Und Duftnoten
Aus Feldern und Gärten
Erschaffen bizarre Glückswelten
Des Geruchssinns.
Der Geruch als Sinn
Nicht als Frage.

 

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Darf ich dich etwas fragen?

Frag, frag nicht
ob du fragen darfst.
Frag mir halt
Ein Loch in den Bauch.

Ich stopf es wieder
Mit deiner Antwort.

Ooch, jetzt ist die Frage verflogen.

Sie wird dich wieder finden.

Ist das eine Drohung?

 

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Entronnen

Ein Baum nur, ein Baum
Ragt aus einem Nebelmaul
Und blüht vor sich hin.

 

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NEU  Das folgende Gedicht ist als Poster erschienen –
auf feinstem Papier gedruckt mit Bleibuchstaben auf einer alten Handpresse, signiert und nummeriert, in einer Auflage von 20 Ex – für Liebhaber.

 

Ein weißes

weises
weil unbeschriebenes Blatt
ohne Krakeleien, obwohl

im Obwohl sind deine Krakeleien
ungeschönt schön, verwirrend
entwirrt
von deiner Sonne
vergoldet in pulsierendem Spiel,
Licht, das mich atmet, leises
Brausen, in das du mich tunkst
wie ein Stück Brot

 

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Zaghaft

ungläubig
Die Augen reiben –
Das Licht bleibt,
Goldgelber Schmelz,
Wenn alt - und Kind sein
Sich in dir begegnen.

 

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Wo du wohnst

In einer Melodie
Im Glanz des Tags,
Im Schmunzeln,
Als du eingenickt,
Die Fühler eingezogen
Und alle Bajonette
Eingesargt –

Tapst ein Aufatmen
Durch deine Straße.

 

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Sieben

Das Zimmer, prallvoll Hitze. Köder zwar ausgelegt, aber kein Gedanke, der sich zu denken lohnt, wagt sich aus den Schlupflöchern. Mein Turteltäubchen nennt mich bereits Siebenschläfer. Klar, mit ihren Siebenmeilenstiefeln lebt sichs leicht auf großem Fuß.
„Wenn man dich so hört, könnte man meinen, wir seien nur um sieben Ecken verwandt.“
„Sieben, mal ist das Durchgefallene das Feine, mal wird es diffamiert als unbrauchbar. Wird man eigentlich zum Sieb gewählt? In freier Wahl? Und drängt sich einer auf als Sieber –“
„Der hat gleich was versiebt. Wie du, einer von den sieben Schwaben, die sind übrigens ersoffen.“
„Wie du, in Moselwein. Oho, jetzt geht sie auf Fliegenjagd – sieben auf einen Streich. Fliegenmörderin, sieben mal Fliegenblut an deiner Zeitungsklatsche.“
„Sei froh, es könnte deines sein. Du bist ausgesiebt, pack deine Siebensachen und verschwinde. Deine sieben fetten Jahre sind vorbei!“
„Guck in den Spiegel, Täubchen, deine sieben mageren schon lang!“

 

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© Uwe Helfrich